Endzeit-Assoziationen: Nichts für schwache Gemüter

Springe. 

Der Springer Hagen Bretschneider führt seine Leser "auf die Minenfelder der urbanen Seele". Indem er sich traditionellen Lyrik-Formen verweigert, macht er sich nicht auf die Suche nach dem perfekten Satz, der kunstvollen Sentenz, der passenden Metapher, sondern überschüttet mit einem expressiv-depressiven Ausbruch seiner Bewusstseinssituation. Es ist das "Infarkt-Finale nach dem Spaßterror", die "Welt des Niemals", in der die Vergangenheit nie aufhört und die Zukunft nie beginnt, in der "alle Wege ins Absurde führen". Am Ende des Wortgewitters "langsames Ausklingen, kein Entrinnen, ein Strudel, ein Sog". Bretschneiders Wahrnehmung ist subjektiv und provozierend, keinesfalls etwas für schwache Gemüter oder "bildungsbürgerliche Literaturästheten", wie er sie nennt. Bretschneider gräbt sehr tief und entfacht mit seinen Endzeit-Assoziationen einen lyrischen Flächenbrand, ein alttestamentarisches Inferno - unerbittlich, konsequent, hoffnungslos. "Das Buch ist dem Leser zwar sehr zu empfehlen, gleichzeitig muss er aber davor gewarnt werden", erklärt der Autor. Wer sich in die Bretschneidersche Wortwildnis begibt, kann darin auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Der Künstler über sich selbst: "30 Jahre hat der Vulkan gebrodelt, jetzt ist er ausgebrochen. Ein wortgewaltiger Lyrik-Ausbruch, der dem Leser, der sich auf die 208 Seiten geballter Wort-Eruptionen einlässt, allerlei abverlangt. Konventionelle Leseversuche scheitern angesichts der gnadenlosen Intensität von Bretscheiders Wort- und Bildkaskaden, seiner Lyrikflut, die den Leser geradezu wegschwemmt, in der ihn der Autor zu ertränken droht. Bretschneider knüpft zum einen an Collage-Techniken der Dadaisten an, zum anderen an die von William S. Burroughs entwickelte amerikanische "Cut-up"-Technik, die vorhandene Textangebote nach bestimmten Regeln zerreißt, um sie mehr oder weniger zufällig zu neuen Hyper-Texten zusammenzusetzen. So entsteht eine neue Erzählstruktur ohne eine wirkliche, lineare Handlung. Verinnerlichte Automatismen herkömmlicher Textauffassungen des Lesers laufen ins Leere."

red, 31.10.2016, 07:53
Redakteure LON

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