232 Meter-Windanlage 800 Meter vor der Haustür

Springe. 

Niemand möchte an diesem Abend in der Haut von Martin Müller stecken – vermutlich nicht mal Martin Müller selbst, ein Vertreter der Projektentwicklungsgesellschaft UKA-Nord.

Der Groll der Bürger ist während der ersten Ausschusssitzung für Planung, Umwelt und Grünflächen in der Aula der Grundschule „Hinter der Burg“ deutlich spürbar. Sie bangen um ihre Lebensbedingungen. Sie sind verbittert, weil sich die UKA-Nord bereits vor mehr als zwei Jahren mit dem Vorrangsgebiet beschäftigte und die Nutzungsrechte an diesem Gelände sicherte, als dies noch kein Vorrangsgebiet war.

„Wir möchten Ihnen zur guten Windhöffigkeit gratulieren“, sagte Müller. In den Ohren der versammelten Bürger klingt dies wie blanker Hohn. Mit „Windhöffigkeit“ wird in der Fachsprache die ausreichende Windgeschwindigkeit bezeichnet, die eine wichtige Voraussetzung für den geeigneten Standort ist.

Springe hat bereits die höchste Windkraftanlagendichte der Region. Das Gebiet ist vorbelastet. Bei den Bürgern stoßen die Pläne daher auf großes Unverständnis. Sie fürchten, dass die Investoren nicht bei den geplanten 14 Windkrafträdern belassen, weil nach dem geplanten Bau noch genug freie Fläche übrig bliebe. Die UKA betonte, dass in der Tat nur 14 Windkrafträder entstünden, ein anderes Unternehmen jedoch ebenfalls an dem Gelände interessiert sei.

Erneuter Zwischenruf von einem Besucher der Sitzung: „Sie planen bereits seit zwei Jahren. Seit wann sind wir mit einbezogen worden?“ - Müller wirkt immer unsicherer, sein Blick ist auf den Boden gerichtet. Es geht emotional zu. Die Windkraftanlage soll in lediglich 800 Metern Entfernung zum Wohngebiet entstehen und 232 Meter hoch sein. Dies ist „eine Hausnummer“, denn der Deister ist im Schnitt 378 Meter hoch.

Wut und Verzweiflung ist den Bewohnern anzusehen: „Haben Sie je an uns gedacht?“ Sollte das Windkraftprojekt der UKA-Nord fortgeführt werden, wird es ein politisches Theater geben. Dafür spricht die touristische Bedeutung der Region. Der Deister ist ein sehr beliebtes Naherholungsgebiet der Hannoveraner. Hier gibt es attraktive Wanderwege in einer weitestgehend gesunden Landschaft und viele Freizeitmöglichkeiten. Die Bürger sehen außerdem die Tierwelt gefährdet, denn auch der Rote Milan, viele Greifvögel und Fledermäuse bewohnen das umstrittene Vorrangsgebiet.

„Wie viele Windkraftanlagen dieser Größe wurden von Ihnen bereits fertig gestellt?“, fragt ein weiterer Bürger. „Keine“, antwortet Müller leicht befangen. Seine Stimme wird immer leiser: „Es läge daran, dass die Windkraftanlagen immer größer sind und die eingesetzte Technik immer moderner“. „Reden Sie lauter!“ - ruft ein Zuhörer wütend.

„Jeder von Menschen gefasste Beschluss, ist von Menschen wieder revidierbar“, sagte ein Ausschussmitglied. Seit Beginn der Planung vergingen bereits zwei Jahre. Die UKA-Nord solle nun zwei weitere Jahre warten, weil sich im Rahmen des Regierungswechsels auch die die gesetzlichen Richtlinien änderten.

Auch bei der anschließenden Bürgerfragestunde blieben einige Fragen unbeantwortet, denn es steht immer noch nicht fest, ob die geplanten Kraftwerke überhaupt ausreichen und die erstellten Umweltgutachten hinlänglich ihrer Durchführung zufriedenstellend ins Detail reichen. Unklarheiten gibt es auch beim Betreiber der Windkraftanlagen. Bisher sind mit Gernot Gauglitz (Geschäftsführender Gesellschafter der UKA-Gruppe) und Wehling lediglich die Namen der Mehrheitsgesellschaftler bekannt.

Für betroffenes Gelächter sorgten auch die Umsiedlungspläne der Roten Milans. „Man könnte dem Milan ein attraktiveres Nahrungshabitat anbieten“, sagte Müller. „Und das weiß auch der Rote Milan“, fragte ein Bürger.

Unsicherheit besteht auch bei den Menschen, die in einer attraktiven und naturnahen Umgebung leben wollen und um den Wert ihrer Immobilie fürchten. Diesen Menschen wäre eine Industrieanlage vorgesetzt, die den Wert der Grundstücke dauerhaft senken könnte.

Bürgermeister Christian Springfeld bekräftigte, dass weiterhin überlegt werde, was noch möglich sei und gegen die Pläne getan werden könne. Betonte aber zugleich, dass man sich hierbei auf formal sauberen Wegen bewegen müsse. Dem UKA-Nord sprach er Lob aus, weil es mit Sicherheit nicht leicht sei, sich einer so emotionalen Debatte zu stellen.

sza, 17.11.2016, 00:01
Redakteure LON

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